Ratgeber · Auswahl

IT-Service-Anbieter auswählen: woran Sie einen guten erkennen

Wir schreiben diesen Beitrag als Anbieter – das sollten Sie beim Lesen wissen. Wir haben ihn trotzdem so geschrieben, dass Sie ihn gegen uns verwenden können. Wer Kriterien nennt, muss sie selbst erfüllen.

Von Dipl.-Ing. Mohamed Khater, Gründer und Geschäftsführer, seit 1992 · · 9 Minuten Lesezeit

Erst die Bauart, dann der Anbieter

Es gibt drei Arten von IT-Service-Anbietern

Bevor Sie einzelne Firmen vergleichen, lohnt sich eine Stufe davor: Welche Bauart passt überhaupt zu Ihrem Haus? Die drei üblichen Formen unterscheiden sich weniger im Preis als darin, was passiert, wenn etwas Ungewöhnliches oder etwas Großes ansteht.

  • Der Einzelkämpfer oder Freiberufler. Günstig, schnell, oft technisch hervorragend – und genau eine Person. Solange nichts passiert, ist das die wirtschaftlichste Lösung. Bei Urlaub, Krankheit, einem Wechsel des Schwerpunkts oder einem Projekt, das zwei Wochen bindet, gibt es keine Vertretung. Für Betriebe, in denen ein Tag Stillstand verkraftbar ist, kann das trotzdem die richtige Wahl sein.
  • Das Systemhaus. Mehrere Personen, mehrere Schwerpunkte, Vertretung, Werkzeuge für Überwachung und Dokumentation. Teurer als der Einzelne, dafür belastbar. Die Frage, die Sie hier stellen müssen, ist nicht die nach der Größe, sondern die nach der Zuständigkeit: Bekommen Sie feste Ansprechpartner oder jedes Mal jemand Neues?
  • Der reine Ferndienstleister. Bundesweit, oft günstig, ausschließlich remote. Das funktioniert gut für Umgebungen, die vollständig in der Cloud liegen. Sobald Hardware, Netzwerk, Drucker oder eine Telefonanlage im Haus stehen, fehlt der Teil, den niemand über eine Leitung erledigen kann.

Ein Hinweis in eigener Sache: Wir sind ein Systemhaus. Wenn Ihr Betrieb acht Arbeitsplätze hat, alles in Microsoft 365 liegt und es keinen Server gibt, sind wir vermutlich nicht die günstigste Antwort – und sagen das auch im Erstgespräch.

Nachprüfbar statt behauptet

Sieben Kriterien, die sich tatsächlich überprüfen lassen

Erreichbarkeit, Erfahrung und persönliche Betreuung stehen auf jeder Website. Die folgenden sieben Punkte lassen sich dagegen im Gespräch abfragen – und die Antwort ist entweder konkret oder ausweichend.

1. Wer nimmt tatsächlich ab?

Fragen Sie nicht nach Erreichbarkeit, sondern danach, wer beim dritten Anruf am Apparat ist. Ein Vorschaltdienst, der Tickets aufnimmt, ist etwas anderes als jemand, der Ihre Umgebung kennt. Beides ist zulässig – Sie sollten nur wissen, was Sie bekommen.

  • Ticketannahme oder Techniker?
  • Feste Ansprechpartner benannt?
  • Wie oft wechseln sie?

2. Reaktionszeit – schriftlich und gestaffelt

„Wir melden uns schnell“ ist keine Zusage. Eine belastbare Zusage nennt eine Frist, unterscheidet nach Dringlichkeit und sagt, ab wann sie läuft: ab Eingang der Meldung oder ab Beginn der Geschäftszeit am Folgetag.

  • Nach Dringlichkeit gestaffelt
  • Beginn der Frist definiert
  • Im Vertrag, nicht im Prospekt

3. Wem gehören die Zugangsdaten?

Das administrative Kennwort zu Ihrem Server, Ihrer Firewall und Ihrem Microsoft-Konto gehört Ihnen. Ein Anbieter, der es nicht herausgibt oder die Frage unangenehm findet, baut eine Abhängigkeit auf, die Sie später teuer bezahlen.

  • Hinterlegung vereinbaren
  • Eigenes Administratorkonto behalten
  • Domain auf Ihren Namen

4. Wird dokumentiert – und bekommen Sie es?

Fragen Sie nach einem Beispiel für eine Systemdokumentation, gern anonymisiert. Wenn es keine gibt, steckt das Wissen über Ihre Anlage in einem Kopf. Das ist bequem, bis dieser Kopf im Urlaub, krank oder gekündigt ist.

  • Beispiel zeigen lassen
  • Aktualisierung geregelt?
  • Herausgabe bei Vertragsende

5. Vertretung und Breite

Firewall, Datenbank, Telefonanlage und Microsoft 365 beherrscht keine einzelne Person gleichzeitig auf demselben Niveau. Fragen Sie, wer welchen Schwerpunkt hat und wer einspringt, wenn diese Person ausfällt.

  • Wer vertritt wen?
  • Welche Themen extern?
  • Wie viele Personen insgesamt?

6. Entfernung – und was daraus folgt

Nähe ist kein Selbstzweck. Sie wird erst dann wichtig, wenn Hardware getauscht werden muss oder ein Fehler nur vor dem Gerät sichtbar ist. Rechnen Sie nach: Wie lange dauert die Anfahrt, und was kostet Sie eine Stunde Stillstand?

  • Fahrzeit statt Kilometer
  • Ersatzteile im Haus?
  • Pauschale oder Anfahrt je Einsatz?

7. Nachweis der Leistung

Was ist im letzten Monat eigentlich passiert? Ein Anbieter, der monatlich abrechnet, sollte auch monatlich zeigen können, welche Meldungen es gab, was getan wurde und wie der Zustand von Backup, Updates und Sicherheit aussieht.

  • Regelmäßiger Bericht
  • Abstimmungstermin vereinbart
  • Sicherung nachweislich geprüft

Vorsicht

Sechs Warnzeichen, die Sie ernst nehmen sollten

Keines davon ist für sich ein Ausschlussgrund. Wenn drei davon zusammenkommen, sollten Sie sich ein zweites Angebot einholen.

  • Die Frage nach den Zugangsdaten wird ausweichend beantwortet. Das ist das deutlichste Zeichen. Wer den Wechsel schwer machen will, fängt hier an.
  • Es gibt keine Dokumentation. Oder sie besteht aus einer Datei, die zuletzt vor drei Jahren geändert wurde. Bei jedem Vorfall wird dann neu ermittelt, was ohnehin bekannt sein müsste – auf Ihre Rechnung.
  • Rechnungen ohne Leistungsnachweis. Positionen wie „IT-Dienstleistungen nach Aufwand“ ohne Datum, Vorgang und Dauer lassen sich weder prüfen noch bestreiten.
  • Alles hängt an einer Person. Sympathisch, aber ein Risiko. Fragen Sie beim ersten Termin, wer einspringt, wenn diese Person zwei Wochen ausfällt.
  • Der Vertrag regelt das Ende nicht. Kündigungsfrist, Herausgabe der Daten und Dokumentation, Mitwirkung bei der Übergabe: Wenn das fehlt, verhandeln Sie darüber in dem Moment, in dem Sie die schlechteste Verhandlungsposition haben.
  • Jede Empfehlung führt zu einem Produkt desselben Herstellers. Herstellerpartnerschaften sind normal und sinnvoll. Auffällig wird es, wenn nie eine Alternative geprüft wird und die Begründung immer gleich lautet.

Vor der Unterschrift

Fünf Punkte, die in den Vertrag gehören

Diese Punkte kosten in der Verhandlung nichts und ersparen später viel. Ein Anbieter, der sie ohne Umschweife zusagt, hat sie vermutlich ohnehin schon so geregelt.

PunktWas hineingehörtWarum
LeistungsumfangEine Aufzählung dessen, was enthalten ist – und ausdrücklich dessen, was nicht: Lizenzen, Speicherplatz für die Sicherung, Herstellerwartung, Projekte.Der häufigste Grund für Streit über die erste Rechnung.
ReaktionszeitFristen nach Dringlichkeitsstufe, mit definiertem Beginn und den Zeiten, in denen sie gilt.Ohne Staffelung wird jede Meldung gleich behandelt – oder keine.
ZugangsdatenIhr eigenes Administratorkonto bleibt bestehen; Kennwörter werden hinterlegt oder auf Verlangen herausgegeben. Domains und Cloud-Konten laufen auf Ihren Namen.Verhindert, dass ein Wechsel technisch unmöglich wird.
DokumentationSie wird geführt, aktuell gehalten und bleibt Ihr Eigentum. Herausgabe in lesbarer Form spätestens zum Vertragsende.Ohne sie beginnt jeder Nachfolger bei null – und berechnet das.
VertragsendeKündigungsfrist, Mitwirkung bei der Übergabe an einen Nachfolger und die Herausgabe aller Daten, auch der Sicherungen.Regeln Sie es jetzt, nicht im Streitfall.
Diese Aufstellung ist eine Empfehlung aus der Praxis und ersetzt keine Rechtsberatung. Für die rechtliche Prüfung eines Vertrages ist ein Anwalt zuständig.

Vorgehen

Eine Auswahl, die in zwei bis vier Wochen zu einer Entscheidung führt

Länger sollte es nicht dauern. Wer drei Monate vergleicht, vergleicht am Ende Erinnerungen.

  1. Bedarf aufschreiben

    Zwei Seiten genügen: Anzahl der Arbeitsplätze und Server, Standorte, Fachanwendungen, was heute regelmäßig hakt und was ein Ausfall Sie pro Stunde kostet. Ohne diese letzte Zahl lässt sich keine Reaktionszeit sinnvoll wählen.

  2. Drei Anbieter ansprechen

    Mehr als drei führen selten zu einer besseren Entscheidung, weniger als zwei nie zu einem Vergleich. Geben Sie allen dieselben zwei Seiten – sonst bekommen Sie drei Angebote über drei verschiedene Dinge.

  3. Bestandsaufnahme zulassen

    Ein belastbares Angebot entsteht erst, nachdem jemand die Umgebung gesehen hat. Wer ohne Bestandsaufnahme einen Festpreis nennt, hat einen Sicherheitsaufschlag eingerechnet – oder wird nachfordern.

  4. Angebote vergleichbar machen

    Nicht die Endsumme vergleichen, sondern den Inhalt. Der Vergleichsbogen mit zwölf Fragen stellt für jedes Angebot dieselben Fragen und macht die Unterschiede sichtbar.

  5. Nachfragen und entscheiden

    Sprechen Sie mit einem Kunden ähnlicher Größe, den der Anbieter benennt – und fragen Sie dort nicht nach Zufriedenheit, sondern nach dem letzten größeren Vorfall. Wie der ablief, sagt mehr als jede Referenzliste.

Der Wechsel

Was beim Wechsel des IT-Dienstleisters tatsächlich passiert

Die Sorge vor dem Wechsel ist der häufigste Grund, warum Betriebe bei einem Anbieter bleiben, mit dem sie unzufrieden sind. In der Praxis ist der Wechsel unspektakulärer als befürchtet – vorausgesetzt, die Zugangsdaten und die Dokumentation liegen vor.

Der übliche Ablauf: Bestandsaufnahme und Übernahme der Dokumentation, Einrichtung von Überwachung und Fernwartung, Übergabe der Zugänge, ein befristeter Parallelbetrieb und erst danach die Kündigung zum nächsten möglichen Termin. Der laufende Betrieb steht dabei nicht still.

Heikel wird es nur an zwei Stellen: wenn der bisherige Anbieter nicht mitwirkt, und wenn Domains, Zertifikate oder Cloud-Konten auf dessen Namen laufen statt auf Ihren. Beides lässt sich lösen, kostet aber Zeit. Prüfen Sie deshalb vor der Kündigung, auf wen Ihre Domain registriert ist.

  • Erst übernehmen, dann kündigen. Nicht umgekehrt.
  • Kündigungsfrist vorher nachlesen. Drei Monate zum Jahresende sind üblich.
  • Domain und Cloud-Konten prüfen. Sie sollten auf Ihren Namen laufen.

Häufige Fragen

Was uns dazu oft gefragt wird

Sollten wir nach Zertifizierungen fragen?

Ja, aber mit Augenmaß. Herstellerzertifizierungen belegen, dass jemand ein Produkt gelernt hat – nicht, dass er Ihre Umgebung versteht. Aussagekräftiger ist die Frage, wer im Haus welchen Schwerpunkt hat und wie oft Wissen aufgefrischt wird.

Wenn Sie in einem regulierten Bereich arbeiten, ist es umgekehrt: Dann können Nachweise nach ISO 27001 oder TISAX ein echtes Ausschlusskriterium sein, weil Ihre eigenen Kunden sie verlangen.

Wie viele Angebote sollten wir einholen?

Drei. Bei zwei fehlt der Maßstab, ab vier fangen die Angebote an, sich in der Erinnerung zu vermischen – und der Aufwand für die Bestandsaufnahmen steht in keinem Verhältnis mehr.

Ist ein großer Anbieter sicherer als ein kleiner?

Größe schützt vor Ausfall einzelner Personen, nicht vor schlechtem Service. Der typische Nachteil großer Anbieter im Mittelstand ist die Anonymität: Sie sind ein kleiner Kunde unter vielen und sprechen bei jedem Vorfall mit jemand anderem.

Der typische Nachteil kleiner Anbieter ist die fehlende Vertretung. Die Frage ist nicht „groß oder klein“, sondern welches der beiden Risiken Sie in Ihrem Betrieb schlechter verkraften.

Unser jetziger Anbieter ist günstig, aber schwer erreichbar. Lohnt der Wechsel?

Rechnen Sie es aus, statt es zu fühlen. Notieren Sie einen Monat lang, wie oft Sie auf eine Antwort gewartet haben und wie lange dabei jemand nicht arbeiten konnte. Multipliziert mit einem Stundensatz ergibt das eine Zahl, die Sie dem Preisunterschied gegenüberstellen können.

Häufig ist das Ergebnis eindeutig – in die eine oder die andere Richtung.

Warum veröffentlichen Sie Kriterien, an denen Sie selbst gemessen werden?

Weil wir sie erfüllen. Unsere Kunden haben ihre Zugangsdaten, ihre Systeme sind dokumentiert, und die Reaktionszeiten stehen im Vertrag. Ein Kunde, der bleibt, weil er technisch nicht wechseln kann, ist für beide Seiten die schlechtere Verbindung.

Dipl.-Ing. Mohamed Khater

Dipl.-Ing. Mohamed Khater hat die INFONET Computer GmbH 1992 in Köln gegründet und führt sie bis heute als Inhaber. Die Punkte in diesem Beitrag stammen aus Übernahmen von Umgebungen, die zuvor jemand anderes betreut hat – und aus den Fällen, in denen die Übergabe nicht funktioniert hat.

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Zweitmeinung

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